… Freiheit

Wie ich vor 25 Jahren mit meinem Trabant über die Grenze fuhr.

Screenshot des Fernsehfilms Bornholmer Straße
Screenshot des Fernsehfilms Bornholmer Straße

Wir waren in Ost-Berlin zu Besuch bei einer Tante und saßen gerade beim Abendbrot zusammen, als im Radio die Pressekonferenz mit Schabowski zur Übergangsregelung für Reisen aus der DDR lief. Meinem Vater und mir war sofort klar, was das heißen würde: Die Grenze ist offen! Die letzte Stulle kaum aufgegessen, schnappten wir uns Jacken und Autoschlüssel und fuhren zum Grenzübergang Bornholmer Straße, der gleich um die Ecke lag. Es hatten sich schon ein paar Dutzend Menschen versammelt, wir waren vielleicht das 11. oder 12. Auto. Wie schon in den Tagen zuvor fielen die Temperaturen unter den Gefrierpunkt und die Heizung im Trabant lief auf Hochtouren – nichts, was wir mitbekommen hätten, denn wir hatten ganz andere Dinge im Kopf. Sollte es wirklich wahr sein? Können wir wirklich rüber? Was würde das für die DDR und das System bedeuten? Mittlerweile kamen immer mehr Menschen angeströmt, doch war es von unserem Standpunkt schwer zu erkennen, was vorn am Schlagbaum passiert. Scheinbar hatten die Grenzer noch gar nicht richtig mitbekommen, was los ist und die Menge wurde langsam ungeduldig. Einzelne Personen konnten plötzlich rüber und kurze Zeit später öffneten die Grenzer den Übergang komplett. Hunderte strömten über die Brücke, ein Fahrzeug nach dem anderen schob sich voran, bis wir auch an den Schlagbaum kamen. Bis hierhin hatte sich schon eine völlig merkwürdige beseelte Stimmung ausgebreitet, einige hatten offenbar schon Sektflaschen von drüben dabei und fingen an zu tanzen und singen und steckten reihenweise ihre Mitmenschen an. Wir hupten, andere sprangen vor unseren Trabant, schoben ihn über die Brücke und trommelten auf unser Dach. Diesen Abend werde ich nie vergessen.

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Hinter jeder Geschichte steckt ein Fünkchen Wahrheit:

Bornholmer Straße - Trabant
Bornholmer Straße – Icke im Trabi

Mit vierhundert weiteren Statisten hatten ich im Oktober letzten Jahres die Gelegenheit im ARD-Fernsehfilm „Bornholmer Straße“ mitzuspielen. Ich bin wirklich mit dem Trabant an dem Tag über die Grenze gefahren. Es war wirklich schweinekalt. Ich hatte wirklich meinen Vater neben mir sitzen – meinen Filmvater. Viele der Details, die oben beschrieben sind, waren Erfahrungen, die ich an dem Tag gemacht habe und die Nahe an der Realität lagen. Und insbesondere die Atmosphäre und die Stimmung der Menschen an dem Tag ist mir eindrücklich in Erinnerung geblieben. Wenn das nur einen Bruchteil widerspiegelt, was wirklich vor 25 Jahren geschehen ist, werde ich ganz demütig vor den Problemen und Herausforderungen unserer Zeit.

Ich war am 09.11.1989 gerade windelfrei geworden und habe natürlich keine Erinnerungen daran. Trotzdem bin ich dankbar für die Menschen, die mir das ermöglicht haben, was ich heute an Freiheiten genießen kann. Jede/r einzelne von uns kann am besten für sich aufzählen, welche das sind (Mein Favorit: „Wo früher geschossen wurde, wird heute gejoggt“ – Jan Tielesch)- aber wir sind uns sicher einig: Nie wieder wollen wir uns das nehmen lassen.

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Wie das so ist als Statist, bin ich leider nicht in der Endfassung zu sehen, hier aber noch ein paar Eindrücke von dem Tag. Ich hatte übrigens als einiger der wenigen das Vergnügen einen Trabi zu fahren an dem Abend. Warum? Viele der Anwesenden Statisten waren älter und nur wenige junge haben das Gefährt jemals zu Gesicht bekommen. Ich bin daher noch bis heute dankbar für die zwei Jahre, die ich mit meinem eigenen Trabant 2004-2006 erleben durfte.

Bornholmer Straße - Szenen vom Set
Bornholmer Straße – Szenen vom Set
Bornholmer Straße - Szenen vom Set II
Bornholmer Straße – Szenen vom Set II
Mein Trabant (2004-2006)
Mein Trabant (2004-2006)

Kommentar verfassen