Endspurt oder wie ich blame avoide

Endspurt
Bild: Lutz Mache | CC

Noch knapp eine Woche und ich befinde mich wieder in heimatlichen Gefilden. Bis dahin ist noch jede Menge zu Tun, von organisatorischen Dingen wie Auszug und Bankkontoauflösung bis zu tränenreichen Abschiedsfeiern. Achja, und Seminare abschließen.

Gesagt, getan: Gestern habe ich Seminar Nummer 1 mit einer mündlichen Prüfung abgeschlossen: “Administration, Politics, and Blame Avoidance Strategies”. Selbstverständlich war die Unterrichtssprache im Seminar Englisch, genauso wie die anderen beiden Seminare auch. Die Auswahl an englischen Seminaren ist hier in Aarhus größer als in Potsdam, was unter anderem auch am Aufbau des Masters liegt. Jeder Masterstudent* der Politikwissenschaften muss mindestens ein englischsprachiges Seminar absolvieren.

Geleitet wurde das Seminar von Peter Bjerre Mortensen, einem verhältnismäßig jungen aber überaus engagiertem Professor, der erst kürzlich (2008-2010) ein Forschungsprojekt des “Danish Social Science Research Council (FSE) zum Thema “Delegation and blame avoidance” betreute. Somit konnten wir im Seminar auf neueste Forschungsergebnisse zurückgreifen und auch Prof. Mortensen hat weiterhin Anregungen aus dem Seminar in seine Arbeiten mit einfließen lassen.

Trotz meiner – zumindest laut Studienordnung – knapp 300 Stunden Arbeitsaufwand für dieses Seminar fällt es mir immer noch schwer, das Thema des Seminars in ein verständliches Deutsch zu übersetzen, ich bemühe mich dennoch einmal:

Politiker sind in der Regel motiviert, wiedergewählt zu werden. Es sei denn, sie heißen Peter Struck und sehen ihrem Altersruhestand entgegen. Wesentlich beeinflußt wird das Wählerverhalten durch das Ansehen und den Status eines Politikers. Um dieses Ansehen zu verbessern, nutzen sie in der Regel jede Möglichkeit um sich gut darzustellen und für jede “gute”, populäre Maßnahme die Verantwortung zu übernehmen. Das Gegenteil: Blame Avoidance.

Blame Avoidance – “Schuld Vermeidung”. Die wortwörtliche Übersetzung klingt ein wenig ungelenk, trifft aber schon sehr gut den Kern des Ganzen. Es geht in erster Linie also um verschiedene Strategien und Möglichkeiten, wie Politiker (und indirekt auch Institutionen) bei unpopulären Maßnahmen Schaden an ihrem Ansehen vermeiden können. Oder so. Theoretisch grundlegend dazu: Kent Weavers “The Politics of Blame Avoidance” von 1986, der einen “negativity bias” unter den Menschen ausgemacht hat: Den Leuten wird immer grundsätzlich mehr in Erinnerung bleiben, was ihnen angetan wurde, als was für sie getan wurde. Negatives wird stärker wahrgenommen als Positives.

Im Laufe des Seminars haben wir uns über Präsentations-, Inhalts- und Delegationsstrategien unterhalten, jeweils unterfüttert mit neuesten empirischen Ergebnissen aus der Verhaltenspsychologie und Medienanalysen. Eine kleine humoristische Kostprobe:

“Circle the wagon” – Bemühe dich, bei kontroversen Entscheidungen eine breite parlamentarische Mehrheit hinter dir zu vereinen.
“Find a scapegoat” – Suche einen Sündenbock!
“Damn lies and statistics” – Frei nach Churchill, “Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast”.

Aufgrund seiner starken theoretischen Ausrichtung und den mitunter staubtrockenen Statistiken (SPSS-Grundkurs, Hellyeah!) war es mein schwerstes Seminar, zumal ich es leider nicht in Potsdam anrechnen lassen kann. Die Prüfung habe ich mir dennoch nicht nehmen lassen, hatte jedoch leider Pech bei der Themenwahl, bin deswegen aber nicht durchgefallen. Interessantes Detail bei allen Prüfungsleistungen hier: Es gibt immer einen externen Gutachter, unabhängig von der Prüfungsform. Notengebung nach Nase gibt es hier also nicht, bzw. unter erschwerten Bedingungen.

Meine gesammeltes (unvollständiges!) Script zum Lernen für die Prüfung kann hier heruntergeladen werden, die Seminarbeschreibung inklusive Literaturliste ist auf der Homepage der Uni zu finden.

*Um die Lesbarkeit zu vereinfachen, wurde in diesem Text der generische Maskulin verwendet. Man sehe es mir nach.

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2 Antworten auf Endspurt oder wie ich blame avoide

  1. Anne sagt:

    iiiihhh….spss…erinnerungen an herrn holtmann werden wach! :D

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